Am Anfang war die Schrift
Der Anfang dieses Artikels behandelt die Entstehung der Schrift. Denn die Bibel ist Gottes Wort in schriftlicher Form. Ohne Schrift würde es keine Bibel geben.
Im Nahen Osten kannte man im Altertum zwei Arten von Schriften. In Mesopotamien verwendete man die Keilschrift und in Ägypten die Hieroglyphenschrift. Die alten Assyrer und Babylonier benutzten Lehm zum Bauen (1.Mose 11,3), aber auch zum Schreiben. Die von den Sumerern etwa um 3500 v. Chr. entwickelte Bilderschrift aus 'Piktogrammen', kleinen Zeichnungen mit gebogenen Linien standen für konkrete Gegenstände wie Haus, Land, Mensch, und dann auch für direkt davon abgeleitete Handlungen wie bauen, ernten, laufen oder sprechen.
Im Laufe der Zeit wurden die Piktogramme schematisiert und zusammengestellt. Die Bilderschrift mit gebogenen Linien wurde etwa in der Zeit von 2800 bis 1800 v. Chr. in einzelne Striche (Keile) aus rechtwinkligen Linien aufgelöst, die in den Ton eingedrückt statt eingeritzt werden konnten. Das ging viel schneller. Es entstand die charakteristische Schrift, die wir Keilschrift nennen. Insgesamt enthielt die Keilschrift etwa 1800 verschiedene Zeichen. Sie war daher nur schwer zu erlernen, und nur eine spezielle Schreiberklasse konnte sie lesen und schreiben. Der "Schreiber" war ein sehr hoher Beamter des Königs, auch wenn dieser selbst lesen und schreiben konnte.
Tontafeln können nur eine beschränkte Menge an Information fassen. Längere Texte wurden über mehrere Tafeln verteilt. Dabei waren gewisse Regeln zu beachten. Oft wurde der letzte Satz einer Tafel auf der nächsten wiederholt. Das finden wir zum Beispiel in 1.Mose 11,26.27. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die ersten Kapitel des 1. Mose-Buches ursprünglich auf Tontafeln geschrieben wurden.
Der Engländer Wiseman meinte, dass der wiederholte Ausdruck "dies ist der Toledoth" - in unserer Bibel übersetzt als "Geschichte", aber auch als "Nachkommen", gelesen werden soll als: "Dies ist der Stammbaum von...". Das würde bedeuten, dass die Berichte in 1.Mose schon sehr früh schriftlich abgefasst wurden - und nicht über lange Zeit nur mündlich überliefert, wie oft angenommen, - und dass Mose diese Familienarchive zur Verfügung standen, als er seine Bücher schrieb.
Das würde mit den von englischen Glaubensbrüdern unserer Gemeinde angedeuteten Stellen im 1. Buch Mose übereinstimmen, wo die Formulierung darauf hinweist, dass manche Passagen schon lange vor Mose schriftlich abgefasst wurden. So zum Beispiel in 1.Mose 10,19: "So reichte das Gebiet der Kanaaniter von Sidon an gegen Gerar hin bis nach Gaza und gegen Sodom, Gomorrha, Adma und Zeboim hin bis nach Lasa", wo in Hebräisch steht: "... so wie du gehst (nicht gingst) nach Sodom...", was heißen soll, dass diese Worte geschrieben wurden, ehe Sodom vernichtet wurde.
Deshalb werden auch alte Namen von Mose später erklärt. Zum Beispiel Bela - das ist Zoar (1.Mose 14,2), Siddim - das ist das Salzmeer (Vers 3), das Tal Sawe - das ist das Königstal (Vers 17), und so weiter.
Die Ägypter benutzten Papyrus als Schreibmaterial. Davon konnten sie große Blätter fertigen, die sich wiederum zu Rollen verbinden ließen. Das erlaubte ihnen, eine Schrift zu entwickelt, die viel mehr Raum benötigte. Auch diese Schrift war nur für geschulte Schreiber verständlich. Es ist wahrscheinlich, dass Mose diese Schrift kannte (siehe Apg 7,22). Es fällt auf, dass die Geschichten der Erzväter im 1. Buch Mose sehr kompakt wiedergegeben sind, dass aber die Geschichte von Josef viel ausführlicher beschrieben wurde. Dies stimmt überein mit einer Schrifterstellung auf (beschränkten) Tontafeln im ersten Fall und auf Papyrusrollen im zweiten Fall.
Alphabetische Schrift
Etwa zur Zeit Mose war in dem Gebiet, das später das Land Israel wurde, etwas sehr Wichtiges geschehen: die Entwicklung der alphabetischen Schrift. Wir kennen diese Schrift als phönizisch, aber es ist sehr fragwürdig, ob die Phönizier sie tatsächlich entwickelt haben. Sie waren Seefahrer, die sie wohl verbreiteten. Ich glaube, dass wir hier Gottes Hand erkennen sollten. Eine alphabetische Schrift hat zwei wichtige Konsequenzen: zum Ersten kann man damit auch abstrakte Wörter und Begriffe ausdrücken und außerdem sind alle bestehenden Wörter phonetisch wiederzugeben.
Die Zeit war gekommen, in der Gott Seine Offenbarung schriftlich kundgeben wollte: Seine Offenbarung der Liebe, Versöhnung, Vergebung und des ewigen Lebens. Die vorhandenen Schriftarten reichten dafür nicht aus: Er benötigte etwas Neues. Und das ist das Zweite: Die alphabetische Schrift wurde jedermann zugänglich. Jedem Seiner Kinder sollte die Botschaft weltweit zugänglich sein.
Es gibt einige Hinweise darauf, dass in Israel allgemein die Kenntnis des Lesens und Schreibens vorhanden war. Als Gideon die Bürger von Sukkoth bestrafen wollte, fing er einen Jungen, der eine Liste von 77 Namen der Ältesten von Sukkoth fertigen sollte (Richt 8,14). Das wäre zur Zeit der Keilschrift unmöglich gewesen. Der einfache Hirtenjunge David, der der zweite König über Israel wurde, hat uns ein Buch voller Psalmen hinterlassen. Zwei Jahrhunderte später prophezeite Jesaja über Assur: "Und was übrigbleibt von Bäumen in seinem Walde wird zu zählen sein, ein Knabe schreibe es auf" (Jes 10,19). Und zu Beginn unseres Zeitalters wurde der Pflegesohn eines einfachen Zimmermanns der größte Schriftgelehrte aller Zeiten.
Schreibmaterialien
Wie gesagt, waren die ursprünglichen Materialien, auf die geschrieben wurde, Ton und Papyrus. Gesetzestexte dagegen wurde oft auf Basaltstein eingemeißelt, weil sie dauerhaft sein sollten. Die berühmte Gesetzgebung des Hammurabi ist uns so überliefert. Es sollte uns dann auch nicht wundern, dass auch der Kern des Gesetzes Israels, die 'Zehn Gebote', auf Stein geschrieben wurde. Kaufverträge wurden noch lange auf Ton geschrieben, als einem 'offenen' Exemplar und einem 'geschlossenen' Exemplar, das von einer Art Ton-Umschlag eingehüllt wurde und in Streitfällen als Beweis dienen sollte; beispielsweise auch der Frage wegen, ob eine Partei den Inhalt eventuell verändert haben könnte.
Wir finden dies in Jeremia, als er einen Acker kaufen musste: "So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: ‚Nimm diese Briefe, nämlich diesen versiegelten Kaufbrief und diesen offenen Brief, und tue sie in einen irdenen Behälter, damit sie lange Zeit erhalten bleiben" (Jer 32,14).
Ein Briefwechsel wurde auf Steingut-Scherben gepinselt, und dies konnte sogar sehr offizielle Korrespondenz sein - eine frühe Art von Recycling. So wurde in Lachisch eine ausgedehnte Korrespondenz aus der Zeit des Angriffs Nebukadnezars auf das Land Israel gefunden. Darin ist der Satz enthalten: "Und siehe, die Worte des Propheten sind nicht gut, sie schwächen unsere Hände, sie entkräften die Stadt und das Land." Es war offensichtlich klar, wer der Prophet war. Könnte dies ein Echo sein von Jeremia 38,4? "Da sprachen die Fürsten zum König: ‚Diesen Mann sollte man töten! Er lähmt ja nur die Hände der Kriegsleute, die in dieser Stadt noch übrig sind, und die Hände des ganzen Volkes, wenn er solche Worte zu ihnen redet.'"
Die Prophezeiungen Jeremias selbst wurden höchstwahrscheinlich auf Papyrusrollen geschrieben. Wir erkennen dies daran, dass der König Jojakim, dem eine solche Rolle vorgelesen worden war, sein Missfallen damit bekundete, dass er die jeweils vorgelesene Spalten abschnitt und ins Feuer warf (Jer 36,20-23).
In späteren Zeiten, als die Prophetien schon als Heilige Schrift anerkannt waren, kopierte man sie üblicherweise auf Lederrollen. Die Lederrollen waren dauerhafter als die Papyrusrollen. In der Zeit des Neuen Testamentes bestand die Bibel aus einer Sammlung derartiger Rollen. Jede Synagoge besaß eine Sammlung und jeder Jude konnte dorthin gehen und diese studieren, denn er konnte lesen, und er war in den Schriften unterrichtet.
Wir erfahren dies von den Juden in Beröa, in Apostelgeschichte 17,11: "Diese aber waren edler gesinnt als die in Thessalonich und sie ... durchforschten täglich die Schriften, ob dies sich so verhalte." Keiner von ihnen hatte Schriftrollen zu Hause, aber in den Synagogen konnten sie diese jederzeit studieren. In Lukas 4 lesen wir, dass Jesus in der Synagoge von Nazareth das Buch - die Rolle - des Propheten Jesaja gereicht wurde, und "... er 'fand' die Stelle, wo geschrieben stand...". Ohne Kapitel und Versnummer fand er unmittelbar die Stelle, die er benötigte. Das ist eine hervorragende Lektion in Schriftkenntnis!
Die Sprachen der Bibel
Die ursprüngliche Sprache der Bibel ist Hebräisch und Griechisch. Das Alte Testament ist fast vollständig in Hebräisch geschrieben; das war die Sprache der Israeliten. Aber einige Teile sind uns in Aramäisch überliefert worden. Der wichtigste aramäische Text befindet sich im größten Teil der Daniel-Prophetie. Aramäisch war die diplomatische Sprache der Zeit der antiken Welt. Sie wurde von allen hohen Regierungsbeamten aller Länder des Nahen Ostens gesprochen (siehe 2.Kön 18,26).
Aber, warum sollten die Prophetien Daniels ins Aramäische übersetzt worden sein? Könnte es sein, dass die Chaldäer, bei denen er angestellt war, seine Prophetien übersetzt haben, um sie studieren zu können? Woher hätten sonst die Magier (Weisen) aus dem Osten ihre Kenntnisse haben können, als sie den Stern wahrnahmen, der auf die Geburt des neuen Weltherrschers, in dem unbedeutenden Land Israel, hinwies?
Im Alten Testament lesen wir immer wieder, dass den Israeliten die Vernachlässigung des Wortes Gottes vorgeworfen wurde. Aber als sie nach Babel weggeführt wurden, begannen sie, was ihnen am Herzen lag, zu hegen, und das waren an erster Stelle die Schriften. Als sie unter Cyrus (Kores) endlich wieder ihre Freiheit erlangten, kehrten viele nicht in das Land Israel zurück; sondern zogen satt dessen aus in die Welt. Dabei nahmen sie auch ihre Schriften mit und sorgten für deren Verbreitung.
Einige Jahrhunderte später veränderte Alexander der Große grundlegend das Aussehen der antiken Welt. Griechisch wurde die universelle Sprache des großen Reiches, und das blieb auch unter den Römern so. Die Juden, die nicht in Palästina wohnten, verloren allmählich ihre Hebräisch-Kenntnisse und sprachen Griechisch. Juden, die noch Hebräisch sprachen - meist nur die Juden im Land Israel - hatten einen höheren Status und wurden als Hebräer bezeichnet (zum Beispiel Apg 6,1).
Im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus wurden deswegen die Schriften ins Griechische übersetzt. Wir kennen diese Übersetzung als die Septuaginta, übersetzt heißt das auf Griechisch "von siebzig", nach einer Legende, wonach die Übersetzung von siebzig Männern gefertigt worden sein soll. Diese Septuaginta wurde die Standardversion für den Dienst in den Synagogen in aller Welt. Die Konsequenz war, dass die Schriften jetzt auch für Nichtjuden zugänglich waren, von denen viele den Synagogendienst mitmachten, weil sie in dem jüdisch-monotheistischen Gottesdienst etwas Höheres sahen als in der griechischen Göttervielfalt. Wir begegnen diesen Leuten im Neuen Testament als denen, 'die Gott fürchten' (zum Beispiel Apg 13,16). Damit war die Bühne frei zur Verkündigung des Evangeliums durch die Apostel. Es gab einen Kern von Menschen, welche die Schriften kannten und dem Evangelium nicht so feindlich gegenüberstanden wie die meisten Juden.
Das Neue Testament wurde sehr wahrscheinlich direkt in Griechisch geschrieben. Aber es hat mehrmals Versuche gegeben, zu beweisen, dass gewisse Briefe ursprünglich in Hebräisch geschrieben und später ins Griechische übersetzt worden sein sollen. Das ist unwahrscheinlich, da sich die neutestamentlichen Schriften meistens an Juden und Heiden im Römischen Reich richteten, die nicht Hebräisch sprachen. Auch hier müssen wir annehmen, dass der Text ursprünglich auf Papyrus geschrieben wurde. Erst viel später, als dieses Neue Testament als "Schrift" anerkannt war, wurden die Texte auf Pergament kopiert. Paulus schrieb an Timotheus: "Den Mantel, den ich in Troas bei Karpus zurückgelassen habe, bringe mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamentblätter." (2.Tim 4,13). Die Bücher werden Papyrusrollen gewesen sein; die Pergamente waren bestimmt Schriftrollen, die er für seine Studien brauchte.
Von der Schriftrolle zum Codex
Bei den ersten christlichen Gemeinden bestanden die Schriften aus einer Sammlung von Rollen des Alten Testaments - Bücher in griechischer Sprache - erweitert mit einer zunehmenden Sammlung griechischer Rollen mit Briefen und einem oder mehreren Evangelien. Auch hier galt es, dass sämtliche Schriften in dem Versammlungshaus vorhanden waren und von jedem studiert werden konnten.
Allmählich festigte sich die Meinung, was tatsächlich zu den Schriften gehörte und was nur persönliche Belange der Apostel waren. Wir können davon ausgehen, das die Auswahl der in der Bibel aufgenommenen 66 Bücher von Gott beabsichtigt und beeinflusst wurde. Denn die Bibel ist die schriftliche Offenbarung Gottes, sie ist durch die Inspiration Gottes entstanden. Weder die Menschen noch die Führer des Juden- oder Christentums verliehen den Büchern der Bibel Autorität - sie konnten nur erkennen, welche Bücher und Schriften diese Autorität Gottes bereits besaßen.
Im zweiten Jahrhundert fing man dann an, eine neue Buchform einzuführen, die Codex-Form. Ein Codex ist ein Buch mit Seiten, so wie wir es kennen, keine Schriftrolle mehr. Endlich war es möglich, den ganzen Bibeltext in einem oder zwei Bänden zusammenzufassen. Und zum ersten Mal in der Geschichte brauchte man nicht mehr von 'den Schriften' zu sprechen; von jetzt ab gab es eine 'Bibel'.
Diese Bibel war, wie gesagt, in Griechisch geschrieben. Im Römischen Reich konnte sie jeder Gebildete lesen. Im Mittelalter war die Bibel ein lateinisches Buch, das nur der Klerus lesen konnte. Während tausend dunkler Jahre hatte das Volk keinen Zugang zur Schrift. Das Volk konnte nicht lesen; das Volk konnte kein Latein; und die Bibel war für das Volk unzugänglich, verborgen in Klosterbibliotheken. Dank der inzwischen in fast alle Sprachen der Welt verbreiteten Übersetzungen - hier in Deutschland durch Martin Luther 1522 das Neue Testament und 1534 das Alte Testament - und des ein Jahrhundert zuvor von Johannes Gutenberg erfundenen Buchdrucks hat heute fast jedermann in aller Welt eine Bibel in seiner eigenen Sprache zur Hand. Gott sei dafür Dank!
CHRISTADELPHIANS IM NORDEN [www.christadelphian.de/nord]