Christus ist des Gesetzes Ende
Oft hält man uns vor: „Warum haltet Ihr Eure Gemeindeversammlung am Sonntag und nicht am Sabbat? Ihr behauptet, das Gesetz Mose fand durch Christi Tod ein Ende, weshalb man es heute, einschließlich des Sabbatgebots, nicht mehr halten müsse. Nirgendwo in der Bibel steht aber, dass sich die ersten Christen am Sonntag versammeln sollen. Oder? Die ersten Christen gingen doch immer am Sabbat in die Synagoge!“ – So weit die Fragen.
Wie lauten unsere Antworten? – Nun, zunächst einmal wollen wir eines klar stellen: Nicht wir behaupten, dass Christus des Gesetzes Ende ist, sondern der Apostel Paulus, der den Gläubigen in Rom schrieb:
„Denn Christus ist des Gesetzes Ende, zur Gerechtigkeit einem jeden, der da glaubt!“ (Röm 10,4)
Diese Aussage ist klar. Aber – wird man eventuell entgegenhalten – es gibt von Jesus ein anderes Zeugnis. Er sagt in der Bergpredigt:
„Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen! Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Matth 5,17).
Wer hat nun Recht? Jesus oder Paulus? Oder ist das ein offensichtlicher Widerspruch in der Bibel? Doch das kann nicht sein. Gottes Wort widerspricht sich nicht! Wie kann dieses Problem gelöst werden, so dass beide Aussagen harmonisch in Gottes Wort als Wahrheit bestehen können?
Die Lösung dieses Problems liegt in der Zeit und es sind die Ereignisse, die zwischen beiden Aussagen liegen. Jesus machte seine Aussage in der Bergpredigt vor seinem Opfertod, bis zu dem er das Gesetz fehlerlos befolgen musste. Der Apostel Paulus schrieb seine Worte hingegen nach Jesu Opfertod, nachdem Jesus bereits das ganze Gesetz erfüllt hatte. Mit Jesu Tod am Kreuz hat sich vieles geändert, auch die Bedeutung der Zehn Gebote.
Bis zu seinem Kreuzestod musste Jesus das Gesetz und die Propheten erfüllen, die ja seinen Opfertod ankündigten. Nachdem Jesus dieses Opfer gebracht hatte und das Gesetz von Jesus in vollkommener Weise erfüllt worden war, konnte der Apostel Paulus schreiben:
„Denn alle, die aus Gesetzeswerken sind, die sind unter dem Fluch; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buche des Gesetzes geschrieben steht, es zu tun. Dass aber im Gesetz niemand gerechtfertigt wird vor Gott, ist offenbar; denn der Gerechte wird durch Glauben leben. Das Gesetz aber lautet nicht: Aus dem Glauben, sondern: Wer es tut, wird dadurch leben. Christus hat uns losgekauft von dem Fluche des Gesetzes, damit, dass er ein Fluch für uns ward; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holze hängt, auf dass zu den Heiden der Segen Abrahams käme in Christo Jesu, auf dass wir die Verheißung des Geistes empfingen durch den Glauben“ (Gal 3,10-14).
Das viel feinmaschigere Gebot Jesu
Das bedeutet nun allerdings nicht, dass wir nun alle keine Ehrfurcht mehr vor Gott zu haben brauchen oder lügen, stehlen, des Nächsten Hab und Gut begehren, ehebrechen oder gar morden dürfen. Das heißt es selbstverständlich nicht. Im Gegenteil: Jesus hat durch seine Anordnungen für uns eine viel umfassendere Verhaltensregel definiert. Erinnern wir uns an seine Bergpredigt? Jesus lehrte:
„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer aber seinem Bruder sagt: Raka (= Nichtsnutz!), der wird dem hohen Rat verfallen sein. Wer aber sagt: Du Narr!, der wird dem höllischen Feuer verfallen sein“ (Matth 5,21.22).
„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen! Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat in seinem Herzen schon mit ihr die Ehe gebrochen“ (Matth 5,27.28).
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn! Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deinen rechten Backen schlägt, dem biete auch den andern dar“ (Matth 5,38.39).
„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen! Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“ (Matth 5,43-45).
Fällt uns dabei etwas auf? – Ja, natürlich! Jesu Verhaltensvorschriften sind viel strenger als es das Gesetz jemals war.
Das Gesetz, die Zehn Gebote, waren die Vorschriften des Alten Bundes. Sie waren nur ein Schatten des Zukünftigen, und dies schließt auch das Sabbat-Gebot mit ein. Keines der Zehn Gebote konnte retten, sondern nur verurteilen (Gal 3,21.22). Darum war das Gesetz ein Zuchtmeister auf Christus hin. Seitdem aber der Glaube an Jesus gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister (Gal 3,23-26)! Die Errettung vom Todesurteil durch das Gesetz ist seit Christi Opfertod durch den Glauben an ihn möglich (Gal 3,25-27).
Darum fasst der Apostel Paulus zusammen:
„Seid niemand nichts schuldig, als dass ihr einander liebet; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn das: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, lass dich nicht gelüsten – und welches andere Gebot es sei, das wird zusammengefasst in dem Wort: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung!“ (Röm 13,8-10; Gal 5,14; 1.Tim 1,5; Mark 12,28-34)
Darum, weil es auch zur Zeit des Apostels Paulus Christen gab, die durch das Einhalten des Gesetzes Moses das Heil erlangen wollten, schrieb Paulus in scharfer Form an die Galater:
„O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, der Wahrheit nicht zu gehorchen, euch, denen Jesus Christus vor die Augen gemalt worden war als unter euch gekreuzigt? Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch Gesetzeswerke oder durch Glaubenspredigt? Seid ihr so unverständig? Im Geiste habt ihr angefangen, nun wollt ihr im Fleische vollenden?“ (Gal 3,1-3)
Ich hoffe, damit wird verständlich, dass die Zehn Gebote ein viel zu grobes Raster sind, um vor Gott wohlgefällig zu sein. An ihre Stelle trat die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Mitmenschen, die ein viel feinmaschigeres Netz darstellen, denn sie umfassen all unser Empfinden, all unser Denken und Tun. Aber selbst wenn wir auch nicht immer diese Liebe zu Gott und den Mitmenschen praktizieren, so hat der Verstoß gegen dieses Liebesgebot für Gläubige nicht mehr die tödlichen Folgen wie die Übertretung auch nur eines der Zehn Gebote. Gläubige, die das Opfer Jesu für sich annehmen, finden bei Reue und Bittgebeten Vergebung durch Gnade und Barmherzigkeit.
Und weil dies so ist, wird im Neuen Testament immer wieder betont, dass wir nun nicht mehr unter dem Alten Bund und dem in Steintafeln eingravierten Buchstaben des Gesetzes stehen, sondern durch Glaube und Taufe mit Gott einen Neuen Bund geschlossen und nun dem zu folgen haben, was mit „dem Geiste des lebendigen Gottes auf fleischerne Tafeln des Herzens geschrieben“ ist (2.Kor 3,3-11).
Die Aussage des Apostels Paulus „Denn Christus ist des Gesetzes Ende, zur Gerechtigkeit einem jeden, der da glaubt!“, wollen wir ein anderes Mal noch ausführlicher behandeln. Das würde bei diesem Thema zu weit führen.
Die heutige Frage lautet: „Müssen wir den Sabbat halten?“ Wir haben schon belegt, dass die Zehn Gebote, die zur Verurteilung aller führten, die sie halten wollten, durch die Liebesgebote abgelöst wurden, die durch Glauben retten können.
Sehr sorgfältigen Bibellesern wird auffallen, dass im ganzen Neuen Testament nirgendwo eine Anordnung steht, dass man den Sabbat halten soll! Selbst dort, wo auf ein einzelnes Gebote aus den Zehn Geboten hingewiesen wird, taucht nirgends das Sabbat-Gebot auf (Matth 19,16-19; Mark 10,19; Matth 5,21-712; Röm 13,8-10). Ist das nicht auffällig? Als beim ersten Apostelkonzil beraten wurde, was man denn den Gläubiggewordenen aus den Heiden (Nationen) auferlegen sollte (Apg 15), tauchte nicht das Sabbat-Gebot auf, sondern man kam zu dem Entschluss:
„Gott sind von Ewigkeit her alle seine Werke bekannt. Darum halte ich dafür, dass man diejenigen aus den Heiden, die sich zu Gott bekehren, nicht weiter belästigen soll, sondern ihnen anbefehle, sich zu enthalten von der Verunreinigung mit den Götzen, von der Unzucht, vom Erstickten und vom Blut“ (Apg 15,18-20).
Die wichtigsten Aufträge Jesu für uns
Als sich nach der eindrucksvollen Predigt des Apostels Petrus am Pfingstfest (Fest der Wochen – 5.Mose 16,10) in Jerusalem 3 000 Menschen in den errettenden Namen Jesu Christi taufen ließen und sich dadurch die ersten urchristlichen Gemeinden bildeten, heißt es von ihnen:
„Alle Gläubigen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam; die Güter und Habe verkauften sie und verteilten sie unter alle, je nachdem einer bedurfte. Und täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen das Brot in den Häusern, nahmen die Speisen mit Frohlocken und in Einfalt des Herzens, lobten Gott und hatten Gunst bei dem ganzen Volk. Der HERR aber tat täglich hinzu, die gerettet wurden“ (Apg 2,44-47).
Wie wir bereits festgestellt haben, hat sich mit Jesu Opfertod und seiner Auferstehung aus den Toten vieles, ja fast alles geändert. Der Alte Bund wurde durch einen Neuen Bund abgelöst. Die Gläubigen haben durch Jesus, unseren Hohepriester, direkten Zugang zu Gott und brauchen kein levitisches Priestertum mehr. Wir können zu jeder Zeit und an jedem Ort zu Gott beten, brauchen also weder Heiligtum (Tempel) noch Sabbat, um mit unserem himmlischen Vater in Verbindung zu treten. Auch das ist neu: Der allmächtige, einzig lebendige Gott wurde durch Jesus Christus „unser himmlischer Vater“ (Matth 6,9)!
Die Gläubigen, die das durch die Predigt des Petrus und durch zusätzliche Unterweisung der Apostel erfahren haben, waren so beglückt von dem gefundenen Heil, dass sie „täglich“ im Tempel verharrten, um Gott zu loben und zu preisen. Sie warteten nicht auf einen Sabbat, sondern sie richteten täglich ihre Gebete an Gott im Namen Jesu Christi (Joh 14,13; Joh 16,23). Genau das ist die jetzige Situation der Nachfolger Jesu Christi. Ihnen ist jeder Tag heilig!
Letztlich ist für Christen jeder Tag, nicht nur einer in der Woche, „heilig dem HERRN“ zu halten! Dieser „Sabbat“ ist ein Zeitraum, heilig dem HERRN, um des HERRN Werke zu tun und nicht die eigenen. Uns ist jeder Tag heilig dem HERRN, denn als Nachkommen Adams sind wir gestorben durch die Taufe in den Tod Christi. Was wir aber leben, leben wir Gott, und zwar jeden Tag (Röm 6,11). Jeden Tag haben wir Zeit und Gelegenheit Gottes Wort in uns aufzunehmen. Unser Bibelleseplan „Forschet täglich in der Schrift“ erinnert uns stets daran! Jeden Tag der Woche beten wir zu Gott im Namen Jesu Christi, unseres Hohepriesters. Kein Tag sollte vergehen, an dem wir uns nicht des Heils erinnern, das uns der liebevolle Vater im Himmel durch Seinen Sohn geschenkt hat.
Und weil wir Gott und unserem Herrn Jesus Christus dafür von Herzen dankbar sind, befleißigen wir uns darin, die wichtigsten Aufträge Jesu zu befolgen. Es sind nicht viele, aber sie sind sehr bedeutungsvoll. Denn Jesu Aufträge an seine Nachfolger lauten:
1. Verkündigt das Evangelium: „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur!“ (Mark 16,15). Was ist das Evangel um? Es ist das Evangelium (= froh machende Botschaft) vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi (Apg 8,12).
2. Tauft die Menschen, die das Evangelium glauben: „Wer glaubt und getauft wird, soll gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mark 16,16). Siehe auch Apostelgeschichte 8,12.
3. „Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt“ (Joh 15,17): „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr alles tut, was ich euch gebiete“ (Joh 15,14). Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe, dass auch ihr einander liebt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34.35).
4. Feiert das Gedächtnismahl in liebevollem Gedenken an mich: „Und als die Stunde kam, setzte er (Jesus) sich zu Tisch und die zwölf Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dieses Passah mit euch zu essen, ehe denn ich leide; denn ich sage euch, ich werde nicht mehr davon essen, bis es erfüllt sein wird im Reiche Gottes. Und er nahm einen Kelch, dankte und sprach: Nehmet diesen und teilet ihn unter euch! Denn ich sage euch, ich werde nicht mehr trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt. Und er nahm Brot, dankte, brach es, gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; solches tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch, nach dem Mahle und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Luk 22,14-20).
Der Apostel Paulus schrieb darüber:
„Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe, nämlich dass der Herr Jesus in der Nacht, da er überantwortet wurde, Brot nahm, danksagte, es brach und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; solches tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl, indem er sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut; solches tut, so oft ihr daraus trinket, zu meinem Gedächtnis! Denn so oft ihr dieses Brot esset und den Kelch trinket, verkündiget ihr den Tod des Herrn, bis dass er kommt“ (1.Kor 11,23-26).
Der erste Tag der Woche
Es erhebt sich nun die Frage, wie oft sollten Jesu Nachfolger dieses Gedächtnismahl halten und an welchem Tag?
Zur Frage „Wie oft?“ gibt es keine genaue Anordnung, weil das Mahl im Gedenken an den Herrn prinzipiell bei jeder passenden Gelegenheit gehalten werden kann, zum Beispiel, wenn sich Glaubensgeschwister besuchen oder treffen, oder am Krankenbett eines Nachfolgers Christi in kleinster Gemeinschaft von zwei Personen (Matth 18,20).
Zur Frage „Wann?“ finden wir allerdings in der Apostelgeschichte einige Hinweise. Während es am Anfang gleich nach der Taufe von 3 000 Gläubigen noch heißt: „Und täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen das Brot in den Häusern, nahmen die Speise mit Frohlocken und Einfalt des Herzens, lobten Gott …“ (Apg 2,46.47), erfahren wir etwas später: „Am ersten Tag der Woche, als die Jünger versammelt waren, das Brot zu brechen, …“ (Apg 20,7). Manche Bibelübersetzungen (zum Beispiel Menge) übersetzen wortgetreu nach dem griechischen Urtext: „Als wir uns nun am ersten Tag nach dem Sabbat versammelt hatten, um das Brot zu brechen …“
Das war in Troas. Obwohl Paulus sieben Tage lang in Troas war (Apg 20,6), so kamen augenscheinlich er und die örtliche Gemeinde nicht zum Brotbrechen zusammen bis zum ersten Tag der Woche.
Die Tatsache, dass Paulus und andere Jünger manchmal am Sabbat die jüdischen Synagogen besuchten (Apg 17,1-3), beweist nicht, dass die urchristliche Gemeinde den siebenten Tag der Woche als einen besonderen Tag der Anbetung hielt. Es zeigt nur, dass die frühen Nachfolger Jesu Christi die Botschaft des Evangeliums (Jesus ist der Christus!) verkündigten, wo immer und wann auch immer sie Menschen versammelt fanden (Apg 5,19.20; Apg 13,5; Apg 16,13.25-33; Apg 17,17.19.22; Apg 18,7; Apg 19,9; Apg 25,6.23). Dieses Zeugnis wurde täglich weitergegeben (Apg 2,47; Apg 17,17; Apg 19,9) in jeder nur möglichen Weise (1.Kor 9,19-22).
Besuchten die Apostel am Sabbat die Synagoge, so lag der Grund darin, den Menschen dort das Evangelium zu verkündigen. Denn es ist nur allzu verständlich, dass sie an einem arbeitsfreien Tag in der Synagoge am meisten Zuhörer antrafen. In der Synagoge – das ist eine Schule über Gottes Wort im Gegensatz zum Tempel, der ein Anbetungsort ist – wurden „Mose und die Propheten“ gelehrt. Dort wurde nicht gelehrt, dass Jesus von Nazareth der von Gott verheißene Messias ist. Wenn also Jesu Nachfolger am Sabbat in die Synagoge gingen, dann nicht, um an Jesu Leben, Opfer, Auferstehung und Himmelfahrt zu denken oder gar das Gedächtnismahl zu halten, sondern nur, um mit den Juden über Jesus zu diskutieren und ihnen die Augen für den gekommenen Messias zu öffnen (Apg 9,20-22; Apg 17,1-3).
Die ersten Gemeinden wählten in Ausübung ihrer christlichen Freiheit (Röm 14,5.6) den ersten Tag der Woche als die sinnvolle Zeit für die Gemeinschaft und Anbetung und zum Brotbrechen (Apg 20,7; 1.Kor 16,2). Es ist der Tag, an dem unser Herr auferstanden und seinen Jüngern wiederholt erschienen ist (Joh 20,19-24.25-29). Es war ein neuer Tag für eine neue Glaubensgemeinschaft, die einer neuen Schöpfung angehört (2.Kor 5,17), ein Tag des Gedenkens und der Freude (Matth 28,9), des Dienstes (Matth 28,10) und der geistlichen Ruhe (Hebr 4,9.10).
Hatte der „erste Tag der Woche“ eine besondere Bedeutung für die Nachfolger Jesu Christi? Wer seinen Blick einmal von dem Gesetz des Alten Testaments (dem Sabbat) abwendet und auf den Neuen Bund richtet, der durch Jesu Christi Opfertod und seinem vergossenen Blut begonnen hat (Hebr 10,8-25), wird erkennen, worin die Bedeutung des ersten Tages der Woche liegt.
Am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, früh morgens, ist Jesus von den Toten auferstanden. Matthäus berichtet:
„Aber nach dem Sabbat, als der erste Tag der Woche (1. Wochentag = unser Sonntag) anbrach, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu betrachten. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben, denn des HERRN Engel stieg vom Himmel herab, trat herzu und wälzte den Stein von der Tür und setzte sich darauf. Und seine Gestalt war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie der Schnee. Vor seinem furchtbaren Anblick aber erbebten die Wächter und wurden wie tot. Der Engel aber wandte sich zu den Frauen und sprach: Fürchtet ihr euch nicht! Ich weiß wohl, dass ihr Jesum, den Gekreuzigten, suchet. Er ist nicht hier, denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommet her, sehet den Ort, wo der Herr gelegen hat!“ (Matth 28,1-6)
Das war Jesu Christi größter Triumph, es ist ein Freudentag für alle seine Nachfolger, denen er Befreiung von der Sündenlast und das ewige Leben durch den Glauben an ihn verheißen hat (Joh 3,16).
Das erste Brechen des Brotes nach Jesu Auferstehung fand genau an diesem „ersten Tag“ (Sonntag) abends statt. In Lukas 24 lesen wir den Bericht über die beiden Jünger, die nach Emmaus gingen. Am Abend, „als er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, sprach den Segen, brach und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn“ (Luk 24,13-31). Diese Tatsache ist der wirkliche Grund, warum der „erste Tag“ durch die Apostel und die ersten Christen diese Bedeutung erlangt hat.
Und darum kommen wir als Gemeinde am ersten Tag der Woche zusammen – nicht um den römischen Sonnengott anzubeten –, sondern im Gedenken an den Herrn Jesus Christus – sein Opfer und seine Auferstehung – das Gedächtnismahl zu halten. Aber auch das ist kein Gesetz. Es muss nicht unbedingt der erste Tag der Woche sein. Es kann auch jeder andere Tag sein, an dem den Gläubigen ein Zusammenkommen möglich ist!
Christen, die an den Zehn Geboten festhalten, ist es ein Dorn im Auge, dass andere Christen jeden Tag gleich halten. Es steht zweifellos schriftgemäß fest, dass der siebente Tag der Woche der „Sabbat“ ist und der erste Tag der Woche der „Sonntag“. Darum behaupten Urchristen und Christadelphians auch nicht, dass sie den „Sonntag“ als den Sabbat „halten“, sondern sie halten alle Tage gleich für den HERRN. Denn der Apostel Paulus hat den Gläubigen zu Rom geschrieben:
„Dieser achtet einen Tag höher als den andern, jener hält alle Tage gleich; ein jeglicher sei seiner Meinung gewiss! Wer auf den Tag sieht, sieht für den HERRN darauf, und wer nicht auf den Tag sieht, sieht für den HERRN nicht darauf; wer isst, der isst dem HERRN; denn er danket Gott; und wer nicht isst, der isst dem HERRN nicht und danket Gott!“ (Röm 14,5.6)
Was folgt daraus? „So soll euch nun niemand richten wegen Speise oder Trank oder wegen eines Festes oder Neumondes oder Sabbats, was doch nur ein Schatten dessen war, was kommen sollte, das Wesen selbst gehört Christo an“ (Kol 2,16).
Als Jesus einmal von einem Schriftgelehrten gefragt wurde, welches denn das vornehmste Gebot sei unter allen (Mark 12,28), antwortete er nicht: „Alle Zehn Gebote sind gleich wichtig, denn wer eines davon bricht, ist des gesamten Gesetzes schuldig!“ Er sagte das zuvor auch nicht zu dem reichen Jüngling, sondern „Du weißt die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst kein falsches Zeugnis reden! Du sollst nicht rauben! Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ (Mark 10,19)
Also antwortete er dem Pharisäer: „Das vornehmste aller Gebote ist: Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist ein einiger HERR; und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von deinem ganzen Herzen und von deiner ganzen Seele und von deinem ganzen Gemüte und mit aller deiner Kraft! Dies ist das vornehmste Gebot. Und das andere ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Größer als diese ist kein anderes Gebot“ (Mark 12,29-31; Matth 22,36-40).
Und genau das wiederholt der Apostel Paulus in seinen Briefen:
„Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Röm 13,10).
„Denn das ganze Gesetz wird in einem Worte erfüllt, in dem: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Gal 5,14).
„Der Endzweck aber des Gebotes ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben“ (1.Tim 1,5).
Es ist nach biblischer Aussage offensichtlich, dass das Evangelium, das Jesus und seine Apostel verkündet haben, nicht das Halten der Zehn Gebote umfasst, sondern die uneingeschränkte Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen. Wer das tut, hat das ganze Gesetz erfüllt!
Aus außerbiblischen Schriften ist der Brief Plinius des Jüngeren (61-113 n.Chr.) an den Kaiser Trajan bekannt. Plinius schrieb, dass die Christen sich an einem bestimmten Tag vor Tagesanbruch zu versammeln pflegten, um Christus und Gott zu preisen und sich gegenseitig durch Schwur zu geloben, sich aller Unreinheit und Unehre zu enthalten und treu und gläubig zu sein in Wort und Tat. Dieser Brief wurde am Ende des ersten Jahrhunderts geschrieben.
Etwa vierzig Jahre später schrieb Justin, der Märtyrer (100-165 n.Chr.), in einem Brief an den Kaiser Antonius Pius Folgendes über die Christen:
„An dem sogenannten Tag der Sonne“, findet eine allgemeine Versammlung aller in den Städten und auf dem Lande wohnenden (Christen) statt, und es werden die Erinnerungen der Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen, soviel als die Zeit es gestattet. Hat dann der Vorleser aufgehört, so hält der Vorsteher (der Gemeinde) eine Ansprache, worin er zur Nachahmung dieser edlen (Wahrheiten und Vorbilder) ermahnt und anfeuert. Darauf erheben wir uns allesamt und verrichten unser Gebet. Und nach Beendigung des Gebetes wird Brot und Wein und Wasser gebracht; und der Vorsteher sendet sowohl Bitten als Danksagungen empor, so gut er’s vermag, und die Gemeinde spricht bestätigend ihr Amen. Darauf folgt die Austeilung und der Empfang der gesegneten (Elemente) für einen jeden, und den Abwesenden wird’s durch die Diakonen geschickt. Die Wohlhabenden aber und dazu Geneigten geben, ein jeder nach seinem Ermessen, was er will, und das also Gesammelte wird beim Vorsteher niedergelegt, und dieser versorgt davon Waisen und Witwen und die, welche um Krankheit oder anderer Ursachen willen Not leiden, und die Gefangenen und die Reisenden aus der Fremde: mit einem Wort, er wird ein Fürsorger aller Bedürftigen.“ (Theodor Zahn, „Geschichte des Sonntags“, S.180, in: Skizzen aus dem Leben der alten Kirche, S.160-238, Deichert'sche Verlagsbuchhandlung: Leipzig, 1908).
Lassen wir uns deshalb wieder anfeuern von der Begeisterung der ersten Christen, von denen wir das Zeugnis haben:
„Und täglich verharrten sie einmütig im Tempel (für uns heute: „im Gebet“) und brachen das Brot in den Häusern, nahmen die Speisen mit Frohlocken und in Einfalt des Herzens, lobten Gott und hatten Gunst bei dem ganzen Volk. Der HERR aber tat täglich hinzu, die gerettet wurden“ (Apg 2,46.47).
CHRISTADELPHIANS IM NORDEN [www.christadelphian.de/nord]