Der Lebenslauf Jesu Christi

Walter Hink

 

Lesen Sie bitte zuerst Lukas 4,14-44.

Ein "Prüfet Alles"-Leser bat um Zusendung eines "Lebenslaufes" von Jesus Christus. - Ist das nicht müßig? Der Lebenslauf Jesu Christi steht doch in jedem der vier Evangelien. Am ausführlichsten und sehr sachlich beschreibt Lukas wie das Leben Jesu verlief. Lukas war Arzt und von daher entsprechend ausgebildet und geschult, vorurteilsfrei und nüchtern zu beobachten und zu recherchieren. Er war selbst kein Augenzeuge von Jesu Leben. Doch er hat von Augenzeugen alle Informationen und Fakten des Lebens Jesu zusammengetragen und auf Glaubwürdigkeit geprüft. Zusätzlich zog er andere Berichte zur Bestätigung seiner gesammelten Fakten heran. Darum leitet er sein Evangelium auch mit der Erklärung ein:

"Nachdem schon viele es unternommen haben, eine Erzählung der Begebenheiten zu verfassen, die unter uns voll beglaubigt sind, wie sie uns diejenigen überliefert haben, welche von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind, so schien es auch mir gut, der ich allem von Anfang an nachgegangen bin, es dir genau, der Reihe nach, zu beschreiben, mein verehrtester Theophilus, damit du erkennst den gewissen Grund dessen, darinnen du unterrichtet worden bist" (Luk 1,1-4).

Am Besten wäre es demnach, das Lukas-Evangelium sorgfältig zu lesen. Damit hat man eine ausführliche Beschreibung des Lebens Jesu.

Aber vielleicht ist das ganze Evangelium mit seinen vierundzwanzig Kapiteln zu lang und man hätte gern eine kurze, aber informative Zusammenfassung? Nun gut, dann wollen wir aus den Evangelien herausfiltern, was man über die Person und das Leben Jesu wissen sollte:

Der Name Jesus - das ist die griechisch-lateinische Form des hebräischen `Jeschua´, einer späteren Bildung aus Jehoschua oder Joschua - bedeutet "der HERR (Jahwe) ist Heil (Rettung)". Die Bibel kennt mehrere Träger dieses Namens. So hieß einer der Vorfahren Jesu ebenfalls Jesus, wie wir aus Jesu Stammbaum erfahren (Luk 3,29). Auch ein Judenchrist mit dem Beinamen Justus, von dem Paulus die Gemeinde in Kolossä grüßt, hieß Jesus (Kol 4,11). Einer der Verfasser der Apokryphen hieß ebenfalls Jesus, nämlich Jesus Sirach.

Doch Jesus von Nazareth, geboren in der Stadt Bethlehem, hatte seinen Namen nach dem Willen seines himmlischen Vaters erhalten (Matth 1,21; Luk 1,31; Luk 2,21). Es ist der Name, der "über alle Namen ist" (Phil 2,9), der einzige Name, "darin wir sollen selig werden" (Apg 4,12).

Um Jesus, den Sohn Gottes, von anderen Menschen zu unterscheiden, die ebenfalls Jesus hießen, gab man ihm meist die Zusatzbezeichnung "Christus". Christus ist jedoch der Titel oder die Amtsbezeichnung Jesu. Das griech. `Christos´ ist die Übersetzung des aramäischen `Meschiach´ beziehungsweise. des hebräischen `Maschiach´ und bedeutet "der Gesalbte" (Messias). Zunächst wurden Priester und danach auch Könige in Israel durch eine Salbung mit Öl feierlich in ihr Amt eingesetzt (2.Mose 29,7; 1.Sam 10,1 usw.). Die Bezeichnung "der Gesalbte" wurde vorwiegend bei Königen gebraucht (vergl. 1.Sam 24,7). Darüber hinaus kündigten die Propheten einen kommenden König aus Davids Geschlecht an, einen "Gesalbten", der - Priester und König in einem - alles das erfüllen wird, was Israel von einem wahren Friedenskönig erwartet. Von dieser Erwartung zeugen die messianischen Weissagungen (vergl. Jes 9,5; Jes 11,1; Micha 5,1; Jer 23,5 ff.; Sach 9,9-11).

So ist der Doppelname "Jesus Christus" zugleich das kürzeste Bekenntnis der an Jesus Christus Gläubigen. Er sagt aus: Jesus, geboren in Betlehem und aufgewachsen in Nazareth, ist der verheißene Christus (hebr: Messias)!

 

Geburt

Jesus Christus wurde vor rund 2000 Jahren in der jüdischen Stadt Bethlehem von der Jungfrau Maria geboren, nachdem er neun Monate zuvor vom einzigen, lebendigen Gott Jahwe, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Gott und Vater Jesu Christi, mittels des heiligen Geistes gezeugt worden war (Luk 1,26-38). So ist er sowohl Gottessohn als auch Menschensohn. Er wurde geboren, "da die Zeit erfüllt war" (Gal 4,4). Nach chronologischen Berechnungen unter Berücksichtigung der politischen Regenten zu jener Zeit - zum Beispiel der Lebenszeit des Herodes - wurde er mindestens 4 bis 5 Jahre, wahrscheinlich sogar 7 Jahre vor unserer Zeitrechnung geboren. Wegen einer Volkszählung konnte Jesus nicht zu Hause in Nazareth geboren werden. Seine Mutter Maria und sein Ziehvater Josef mussten wegen dieser Volkszählung nach Bethlehem in Judäa reisen, in die Stadt Davids, weil Josef aus dem Geschlecht Davids stammte (Matth 1,1-16; Luk 3,23-38). Dort, in einer Notherberge - in einem Stall - wurde Jesus geboren (Luk 2,6.7). Die Ersten, die durch Engelsbotschaft von dem Wunder der Geburt des Heilands der Welt erfuhren, waren schlichte Menschen - Hirten auf dem Felde. Gottes Engelscharen stimmten über seine Geburt das ewige Gloria an (Luk 2,8-15). Eine besondere Sternenkonstellation des Himmels führte sogar Weise (Gelehrte) aus der Ferne der östlichen Völkerwelt - dem Morgenland - dazu, dem neugeborenen "König der Juden" zu huldigen (Matth 2,1-12).

 

Kindheit

Wie es nach dem Gesetz Moses Vorschrift war, wurde Jesus am 8. Tag an seiner Vorhaut beschnitten (3.Mose 12,1-3). Dreiunddreißig Tage nach seiner Geburt (3.Mose 12,4) wurde Jesus von seinen Eltern in den Tempel nach Jerusalem gebracht, um dem HERRN - Gott Jahwe - dargestellt zu werden, weil alle männliche Erstgeburt dem Gott Israels zu heiligen ist (Luk 2,22.23). Dort wurde Jesus von dem betagten Simeon als "Trost Israels" und "Gesalbter Jahwes" und "Licht zur Erleuchtung der Heiden" begrüßt (Luk 2,25-35). Auch eine alte, vierundachtzigjährige Prophetin Hanna - eine Witwe - pries Gott für diesen Knaben, der "Jerusalems Erlösung" bringen würde (Luk 2,36-38).

Weil der jüdische König Herodes diesem "neugeborenen König der Juden" nach dem Leben trachtete und alle Knaben unter zwei Jahren in Bethlehem und in allen ihren Grenzen töten ließ (Matth 2,16-18), mussten Josef und Maria mit Jesus schon in dessen erstem Lebensjahr nach Ägypten fliehen (Matth 2,13-15), wo sie bis zum Tode des Herodes blieben. Das war im Jahr 4 vor unserer Zeitrechnung. Danach kehrten sie nach Nazareth zurück.

Von der Kindheit Jesu ist nur ein Zeugnis überliefert. Es lautet: "Das Kindlein aber wuchs und ward stark am Geiste, nahm zu an Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm" (Luk 2,40).

 

Jugendzeit

Von der Jugend Jesu wird nur eine Begebenheit geschildert. Sie wird eingeleitet mit dem Hinweis, dass seine Eltern - Maria und Josef - jährlich nach Jerusalem zum Passafest reisten, wie es den Juden vorgeschrieben war (2.Mose 23,14-17). Als Jesus zwölf Jahre alt war, geschah etwas Bemerkenswertes. Seine Eltern waren wie jedes Jahr in einer größeren Gruppe mit Verwandten und Bekannten nach Jerusalem gereist. Nach den Feiertagen machten sich alle wieder auf den Heimweg. Eine Tagesreise zu Fuß von Jerusalem entfernt, vermissten Maria und Josef Jesus vermutlich erst abends. Sie hatten ihn tagsüber bei seinen Gefährten gewähnt. Als er nicht da war, kehrten sie wieder nach Jerusalem zurück und suchten ihn. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel sitzend mitten unter den Lehrern. Jesus hörte den Gesetzeslehrern zu und stellte ihnen auch Fragen. Es erstaunten sich aber alle, die ihn hörten, über seinen Verstand und seine Antworten. Vorwurfsvoll fragte Maria ihren Sohn: "Kind, warum hast du uns das angetan?" Er aber antwortete gelassen: "Was ist's, dass ihr mich gesucht habt? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?" - Und sie verstanden das Wort nicht, das er sagte. Und er ging mit ihnen hinab nach Nazareth und war ihnen untertan (Luk 2,39-51).

Über die Jugendzeit Jesu erhalten wir die Beschreibung: "Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen" (Luk 2,52).

 

Taufe und Siege gegen die Versuchung

Das Nächste, was wir von Jesus erfahren, ist, dass er von Galiläa an den Jordan ging, um sich von Johannes, dem Täufer, taufen zu lassen (Matth 3,13-15). Jesus war zu dieser Zeit ungefähr dreißig Jahre alt. Johannes begrüßte Jesus mit den Worten. "Siehe, das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde wegnimmt!" Johannes bezeugte öffentlich, dass "Jesus der Sohn Gottes ist!" (Joh 1,29-34). Als Jesus getauft war und aus dem Wasser stieg, da tat sich der Himmel auf und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabsteigen und über ihn kommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: "Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!" (Matth 3,16.17).

Nach der Taufe - seiner öffentlichen Bereitschaftserklärung, den Willen Gottes erfüllen zu wollen - führte ihn sein Weg in die Wüste zu einer vierzigtägigen Fastenzeit (Matth 4,2; Mark 1,13). Vermutlich erhielt Jesus in dieser Zeit, die er durch ständiges Gebet in engem Kontakt mit seinem himmlischen Vater verbrachte, von Gott all die Kräfte übermittelt, die ihn danach befähigten, Wunder zu wirken. Denn gleich danach wurde er geprüft, ob er diese göttlichen Fähigkeiten für sich persönlich oder zur Bewältigung seiner großen Aufgabe einsetzen würde. Jesus musste zunächst die drei "Standardversuchungen" bestehen, bei denen Eva und Adam gescheitert waren und vor denen uns auch der gereifte Apostel Johannes warnt (1.Joh 2,16):

Fleischeslust: "Und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn hernach. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: `Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden!' Er aber antwortete und sprach: `Es steht geschrieben: `Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht'" (Matth 4,2-4).

Augenlust: "Da nimmt ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellt ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: `Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab, denn es steht geschrieben: `Er wird seinen Engeln befehlen über dir, und sie werden dich auf den Händen tragen, dass du deinen Fuß nicht etwa an einen Stein stoßest´. Da sprach Jesus zu ihm: `Wiederum steht geschrieben: `Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.´" (Matth 4,5-7)

Hoffärtiges Wesen: "Wiederum nimmt ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und spricht zu ihm: `Dieses alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest'. Da spricht Jesus zu ihm: `Hebe dich weg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: `Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen!" (Matth 4,8-10)

Da verließ ihn der Teufel, und siehe, Engel traten hinzu und dienten ihm. Jesus bestand diese Versuchungen siegreich. Seine Bereitschaft, den Willen Gottes bis in die letzte Konsequenz zu tun, war kein leeres Versprechen, sondern sein fester Vorsatz.

 

Jesu Auftrag und Werk

Im Alter von etwa dreißig Jahren begann Jesus in der Öffentlichkeit aufzutreten. Seine letzten Worte am Kreuz: "Es ist vollbracht!" (Joh 19,30) kennzeichnen sein großes Werk, mit dem er sich vom Vater beauftragt wußte. Mittler für das göttliche Ziel mit den Menschen zu sein, darin sah er den Sinn und den Inhalt seines Lebens (Joh 4,34; Joh 5,36; Joh 14,4). Dieses Ziel Gottes ist, den unheilvollen Riss zu schließen, der durch den Abfall des Menschen von seinem Schöpfer - durch die Sünde - entstanden war. Als der Menschensohn ist Jesus der "andere Mensch" und "letzte Adam" (1.Kor 15,45.47), an dem wieder sichtbar wird, was der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott sein soll. Er ist der Erste, der "Erstgeborene", das wahre Ebenbild des Wesens Gottes (Hebr 1,6.3), in dem Gottes Plan bei der Erschaffung des Menschen (1.Mose 1,27) erstmalig seine vollkommene Erfüllung findet. An ihm haftet nicht der Makel der Sünde (Joh 8,46; 2.Kor 5,21; 1.Petr 2,22; Hebr 7,27 ff.; Hebr 9,14). Vollkommener Gehorsam, Hingabe und uneingeschränktes Vertrauen zum Vater zeichnen ihn aus (Phil 2,8; Hebr 5,8; Matth 26,39.42). Jesus ist gekommen, um durch sein Lebenswerk Gott und Mensch zu versöhnen und den Menschen in seinen früheren Stand der Gemeinschaft mit Gott - wie zur Zeit des Paradieses - wieder einzusetzen (2.Kor 5,17 ff.). Er ist der "Erstgeborene unter vielen Brüdern", Stamm und Wurzel eines versöhnten Volkes (Röm 8,29; Joh 15,1 ff.). Dieses Versöhnungswerk schließt zwei Leistungen mit ein: Jesus Christus zerstörte die Werke des Teufels - das Verlangen des Fleisches, das zur Sünde reizt (1.Joh 3,8) - und nahm dadurch dem Tod die Macht (2.Tim 1,10).

 

Jesu öffentliches Wirken

Es ist anhand der vierfachen Berichterstattung der Evangelien, die Jesus aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten, nicht ganz einfach, einen genauen chronologischen Ablauf des Lebens Jesu aufzustellen. Die Evangelien sind keine Biografien und auch kein tabellarischer Lebenslauf Jesu. Sie wollen vielmehr Verkündigung und Handeln Jesu als Ruf zum Glauben zeigen. Dennoch kann man drei Abschnitte des öffentlichen Auftretens Jesu erkennen:

Über die erste Zeit von der Taufe bis zur Gefangennahme Johannes des Täufers berichtet nur Johannes 1,35 bis Johannes 4,43. Jesu offenbarte sich seinen ersten Jüngern und kehrte nach Galiläa zurück (Joh 1,43). In Kanaa wirkte er sein erstes Wunder und verwandelte bei einer Hochzeit, als der Weinvorrat zur Neige ging, Wasser zu Wein (Joh 2,1-11). Danach hielt er sich wenige Tage in Kapernaum auf (Joh 2,12). Im April reiste er zum ersten Passafest nach Jerusalem. Er reinigte den Tempel vom Missbrauch durch Geldwechsler und Händler und hatte ein nächtliches Gespräch mit einem Obersten der Juden und Pharisäer, Nikodemus (Joh 2,13 - 3,21). Es folgte ein kurzes Auftreten in Judäa (Joh 3,22 - 4,3). Vier Monate vor der Ernte hatte Jesus auf seiner Rückkehr nach Galiläa, die ihn durch Samaria führte, ein Gespräch mit einer Samariterin zu Sichar (Joh 4,4-43.

Der zweite Abschnitt umfasst sein Wirken in Galiläa (Matth 4,12 - 18,35; Mark 1,14 - 9,50; Luk 4,14 - 9,50). Auf eine Zeit, in der das Volk dem vermeintlichen Prediger und Wundertäter begeistert zuströmte, trat gegen das zweite Passa seiner öffentlichen Tätigkeit (Joh 6,4) eine Wende ein. Die Schriftgelehrten und Pharisäer bekämpften ihn immer erbitterter. Die Begeisterung des Volkes erwies sich immer mehr als ein Strohfeuer. So musste Jesus die Städte schelten, in denen die meisten seiner Taten geschehen waren (Matth 11,20-24). Noch ein halbes Jahr hielt er sich in Galiläa und den Nachbargebieten auf. Von dieser ganzen Periode berichtet Johannes nur die Speisungsgeschichte und was sich daran anschloss (Joh 6). Nach Johannes 5 war Jesus auch zwischendurch noch einmal in Jerusalem gewesen.

Der dritte Abschnitt des Wirkens Jesu wird mit der Reise zum dritten Passa seines öffentlichen Auftretens und damit zu seinem "Todes-Passa" eingeleitet. Nach Matthäus und Markus reiste Jesus über das Ostjordanland nach Jerusalem (Matth 19,1; Mark 10,1). Nach dem Johannesevangelium ging Jesus zunächst zum Laubhüttenfest nach Jerusalem (Joh 7,2). Im Dezember finden wir ihn dort beim Fest der Tempelweihe (Joh 10,22), ohne dass irgendwie angedeutet wird, dass er inzwischen zurückgereist sei. Den Winter verbrachte er entweder in stiller Tätigkeit jenseits des Jordans (Joh 10,40) oder in Ephraim (Joh 11,54), um dann zum letzten Mal nach Jerusalem hinauf zu ziehen.

Nach dieser Übersicht dauerte Jesu gesamtes öffentliches Auftreten mehr als zwei Jahre. Genaueres kann man nicht sagen, da wir den Zeitpunkt seiner Taufe nicht kennen und die Evangelien eben nicht an einem Gesamt-Zeitplan interessiert sind.

 

Jesu Jünger

Um sein Werk zu vollbringen, berief Jesus, nachdem er die ersten Jünger gesammelt hatte (Mark 1,16-19; Mark 2,13.14), Mitarbeiter (Mark 3,13 ff.; Luk 6,12 ff.). Aus einer größeren Schar erwählte er zwölf, nachdem er zuvor eine Nacht lang durchwacht und gebetet hatte. Ihre Aufgabe war es, bei Jesus zu sein, ebenfalls zu predigen und in Vollmacht Kranke zu heilen (Mark 3,14 ff.; Matth 10,1). Sie bildeten den Grundstock seiner ersten Gemeinde. Die zwölf Apostel waren:

1. Simon, Sohn des Jona; Beiname Petrus oder Kephas = Fels (Joh 1,42),

2. Andreas, Bruder des Simon (Joh 1,35-42),

3. Jakobus, Sohn des Zebedäus (Matth 27,56; Mark 15,40), = einer der "Donnersöhne",

4. Johannes, Bruder des Jakobus, Schreiber des Evangeliums, der drei Briefe und der Offenbarung (Mark 3,17; Luk 9,54), = der zweite der "Donnersöhne",

5. Philippus (Matth 10,3), nicht zu verwechseln mit dem Diakon Philippus,

6. Bartholomäus = Nathanael (Joh 1,43-51; Matth 10,3),

7. Thomas (Joh 20,24-29),

8. Matthäus, der Zöllner (Matth 9,9) auch Levi genannt (Mark 3,18; Luk 5,27),

9. Jakobus, des Alphäus Sohn (Matth 10,3),

10. Lebbäus, mit dem Zunamen Thaddäus = Judas, des Jakobus Sohn (Matth 10,3; Luk 6,16; Joh 14,22; Apg 1,13),

11. Simon von Kana, eigentlich Kananäus oder Zelot, das heißt Eiferer (Matth 10,4),

12. Judas Ischariot, der "Mann aus Karioth", der Verräter (Matth 26,14-16; Mark 14,10 ff.; Luk 22,3-6; Joh 13,21-30).

Nach dem Selbstmord des Verräters wurde mittels Los Matthias hinzugewählt (Apg 1,15-26).

Jesu Verkündigung

Jesu Botschaft kannte nur ein Thema: Gottes Königsherrschaft ist herbei gekommen. Darum tut Buße! (Matth 4,17). Er offenbarte sich als der Überbringer der Gottesherrschaft auf Erden (Luk 17,20 ff.). Eine allgemein im Morgenland und auch bei Jesus besonders beliebte Stilform der Rede war das Gleichnis. Jesus hat viel in Gleichnissen gesprochen (Matth 13; Luk 15). Durch sie offenbarte oder verhüllte er zugleich die Geheimnisse des Reiches Gottes. Seine Reden hatten gewaltige Wirkung. Das Volk wurde unter dem Eindruck seiner Worte von Entsetzen gepackt; denn er "lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat und nicht wie die Schriftgelehrten" (Matth 7,28.29).

Das Kreuz Jesu

Die Tragik des Lebens Jesu begann schon bei seiner Geburt: "Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf" (Joh 1,11). Es war für ihn "kein Raum in der Herberge" (Luk 2,7). Herodes suchte, das Kind umzubringen (Matth 2,13). "Sie - seine Eltern - verstanden das Wort nicht, das er mit ihnen redete" (Luk 2,50). Sie - die Bewohner Nazareths - stießen ihn zur Stadt hinaus und führten ihn auf einen Hügel, dass sie ihn hinabstürzten (Luk 4,29). Die Seinen sprachen: "Er ist von Sinnen" (Mark 3,21). Auch seine leiblichen Brüder glaubten nicht an ihn (Joh 7,5). "Da hoben sie Steine auf, dass sie dieselben auf ihn würfen" (Joh 8,59).

Die Menge der Menschen dachte anders als er und lehnte auch den leidenden Jesus ab. Er zog sich zurück und betete. Sein Leiden nahm zu. Gethsemane und Golgatha waren die Höhepunkte auf diesem Weg des Nichtverstanden- und Verkanntwerdens, seelischer und körperlicher unsagbarer Qualen.

Doch das alles war nicht willenloses Erleiden, sondern bewusstes Akzeptieren. Schon als Zwölfjähriger erkannte Jesus, dass er von allen Menschen ausgesondert war, und er sagte Ja dazu! Zum ersten Mal stand damals schon jenes höhere "Muss" über seinem Leben: "Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?" Durch seine Taufe und durch den Sieg über die Versuchungen (Matth 4,1-11) entschied sich Jesus bewusst für den Passionsweg und verwarf alle eigenen Möglichkeiten, die auf das eine hinausliefen: Reich Gottes ohne Kreuz! Als er unter den zwölf Aposteln auch - bewusst - einen Judas Ischariot in den Kreis seiner engsten Mitarbeiter berief (Luk 6,16), sprach Jesus erneut sein volles Ja zum Kreuz. Das Erlösungswerk gipfelte in seiner Selbstdarbringung auf Golgatha. Sein Gebetskampf in Gethsemane (Matth 26,36-46) war die im Geist vorausgenommene und durchkämpfte Todesnot von Golgatha. Christus geriet in unmittelbare Todesnähe (Luk 22,44), er begann zu zittern und zu zagen, sein Gebet wurde inbrünstiger. Gab es noch eine Möglichkeit, diesen Kelch zu meiden? Doch er war entschlossen: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!" Sein Gebetskampf endete mit einem Sieg. Nun konnte er in der Kraft des Sieges den Todeskelch trinken. In der Verhandlung vor dem Hohen Rat und vor Pilatus war er - obwohl oft schweigsam - der Handelnde: "Niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich lasse es von mir selbst", sagte er (Joh 10,18; Joh 18,4-9). Unterliegend siegte er am Kreuz: "Es ist vollbracht!" Das ist der Schlussstrich unter seinem damaligen Werk - dem Weg des Leidens! Der Schandpfahl des Kreuzes, dieses unvorstellbar grausame Hinrichtungsmittel der Römer, wurde nach Gottes Willen für Seinen eingeborenen Sohn der Ort seines Sieges! Bewusst zweideutig und bereits im Alten Testament angekündigt, wurde diese Todesart für den Erlöser zum Zeichen seiner "Erhöhung": "Und wie Moses in der Wüste die Schlange erhöhte (4.Mose 21,8.9), also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe!" (Joh 3,14.15).

 

Der erhöhte Herr

Die Selbsterniedrigung Jesu bis zum Tode am Kreuz wurde für Gott der Anlass, Seinen Sohn zu erhöhen und ihn zu einem "Herrn aller Herren" zu machen (Phil 2,9 ff.; Offbg 17,14). Der Gesalbte Gottes konnte nicht im Tode bleiben: Gott hat ihn am dritten Tag nach seinem Tod auferweckt. In seiner Himmelfahrt (Mark 16,19; Luk 24,51; Apg 1,9) fand die Erhöhung Christi ihren glorreichen Abschluss. Sie hat eine dreifache Bedeutung:

Das Sitzen "zur Rechten Gottes" (Ps 110,1) ist der Ausdruck seines unumschränkten Herrschertums und seiner göttlichen Vollmacht: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden", sagt er (Matth 28,18). In dieser Hoheitsstellung ist er das Haupt aller irdischen und himmlischen Mächte sowie der Gemeinde (Eph 1,21-23; Kol 2,10).

Mit seiner Erhöhung ist Christus durch seinen Vater in seine vollen hohenpriesterlichen Rechte eingesetzt worden. Als der ewige Hohepriester ist er in das himmlische Allerheiligste eingegangen, um vor dem Angesicht Gottes "für uns" zu erscheinen, das heißt für seine Gemeinde sein Verdienst geltend zu machen, sie priesterlich vor Gott zu vertreten (Hebr 9,24; Hebr 7,25-27; Röm 8,34; 1.Joh 2,1).

Der erhöhte Herr hat nun auch die Möglichkeit, überall auf Erden gegenwärtig zu sein. Er kündigte an: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Matth 28,20). "Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Matth 18,20).

Die Königsherrschaft auf Erden

Unausdenkbar sind die Auswirkungen des Erlösungswerkes Jesu Christi, wenn er zur Erde zurückkehrt, wie es Gottes Engel seinen Jüngern versprochen haben (Apg 1,11). Wenn Jesus Christus auf dem Thron seines Vaters David in Jerusalem sitzend (Luk 1,32.33; Ps 2) über die Welt regiert (Jes 2,2-4), werden Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Erde einziehen. Alle, die an ihn geglaubt haben, sind dann mit ewigem Leben beschenkt und werden mit ihm regieren (Offbg 20,4-6). Die Bibel bezeugt mehrfach, dass Jesu Regentschaft nach allem Leid und aller Zerstörung in diesem Zeitalter schließlich die Erde neu gestalten wird (Ps 72; Ps 98; Jes 9,5.6; Jes 11,1-9; Offbg 21,1-6). So ist die Wiederkunft Christi, der zwar zuerst Lebendige und Tote richten wird, die glaubensfrohe Erwartung jedes einzelnen Nachfolgers Jesu Christi. Denn seine treuen Nachfolger werden mit ewigem Leben im Reich Gottes belohnt, in dem es für sie weder Krankheit noch Not, weder Schmerzen noch Tränen, weder Leid noch Tod gibt:

"Und ich hörte eine laute Stimme vom Throne her, die sprach: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: `Siehe, ich mache alles neu!' Und er sprach zu mir: `Schreibe, denn diese Worte sind gewiss und wahrhaftig!' Und er sprach zu mir: `Es ist geschehen! Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben aus dem Quell des Wassers des Lebens umsonst! Wer überwindet, der wird solches ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein" (Offbg 21,3-7).

Wenn Jesus auf diese Weise alles zum Frieden und zur Gerechtigkeit geführt hat, wird er am Ende seiner tausendjährigen Herrschaft sein Königsregiment in die Hände des Vaters zurückgeben (1.Kor 15,24).

"Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allen" (1.Kor 15,28).

Das ist in aller Kürze, aber mit der notwendigen Ausführlichkeit, der "Lebenslauf Jesu".

Ich hoffe, diese Zusammenfassung kann das, was allgemein über Jesus bekannt ist, abrunden und vervollständigen. Es ist wirklich faszinierend, was Gott in Seiner Liebe zu uns von Anfang an geplant hat, um uns sündigen Menschen dennoch durch Seinen Sohn Jesus Christus das Heil und das ewige Leben anzubieten. Vergessen wir deshalb nie das Zeugnis Jesu über seinen liebevollen Vater:

"Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes" (Joh 3,16-18).

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